Dass Menschen unterschiedlich viel Lust haben, ist kein Geheimnis. Zeigt sich der Unterschied aber in der eigenen Partnerschaft, kann er auf Dauer richtig wehtun. Meist beginnt es unauffällig, in kleinen Verschiebungen: Eine Person sucht häufiger Nähe, die andere weicht öfter aus oder merkt, dass der Zugang zur eigenen Lust schwerer geworden ist. Was erst wie eine Phase wirkt, wird irgendwann zum Thema. Gesprochen wird darüber trotzdem kaum, obwohl beide darunter leiden.
Genau das verunsichert. Belastend ist selten der Unterschied selbst, belastend ist die Bedeutung, die Paare ihm geben. Die eine Person fühlt sich zurückgewiesen, die andere gerät unter Druck, und schnell steht das Gefühl im Raum, mit der Beziehung stimme etwas Grundsätzliches nicht. Dabei gehört eine unterschiedliche Libido in langen Beziehungen viel öfter zum Alltag, als die meisten Paare glauben.
Sie bedeutet nicht automatisch fehlende Liebe oder mangelnde Attraktivität. Häufig zeigt sie nur, dass etwas im Leben Aufmerksamkeit braucht: Stress, körperliche Veränderungen, unausgesprochene Konflikte. Oder schlicht bessere Bedingungen für Nähe.
Kein Alarmzeichen, sondern ein Thema, das fast jedes Paar streift
Wer im Freundeskreis einmal offen über Lust und Unlust spricht, erlebt oft dasselbe: erst ein kurzes Schweigen, dann erstaunlich viel Erleichterung. Was wie ein sehr privates Problem wirkt, ist ein verbreiteter Teil von Beziehungsrealität. Eine unterschiedliche Libido in der Beziehung sagt zunächst nur: Hier leben zwei Menschen mit zwei Körpern, zwei Biografien und zwei Belastungsniveaus zusammen. Mehr nicht. Und dieses Erleben ist nicht statisch, es verändert sich mit Lebensphasen und, bei Frauen, oft auch im Verlauf des Zyklus.
Problematisch wird der Unterschied meist erst, wenn beide anfangen, ihn moralisch aufzuladen. Oder wenn jemand darunter leidet und damit nicht ernst genommen wird.
Gerade in langen Beziehungen verändert sich Begehren, und das ist normal. Die erste Verliebtheit lebt von Neuheit, Projektion und einer fast automatischen körperlichen Spannung. Der Alltag lebt von Routinen, Verantwortung und manchmal Schlafmangel. Die Beziehung ist deshalb nicht schlechter geworden. Lust braucht jetzt nur andere Bedingungen als am Anfang. Viele Paare erschrecken genau darüber, weil sie unbewusst erwarten, ein reifes Miteinander müsse sich anfühlen wie die ersten Monate.
Die Paartherapeutin Esther Perel beschreibt dieses Spannungsfeld seit Jahren treffend: Langfristige Beziehungen leben von Sicherheit, Verlässlichkeit und Nähe. Erotische Spannung braucht zusätzlich Eigenständigkeit, Neugier und ein Gefühl von Lebendigkeit. Wer das Nachlassen spontaner Lust vorschnell als fehlende Liebe deutet, übersieht, dass meist einfach neue Bedingungen für Begehren geschaffen werden wollen.
Warum Scham so schnell lauter wird als Zuneigung

Sex ist heute weit mehr als Fortpflanzung. Er ist nah an unserer Identität, und damit am Selbstwert. Deshalb trifft ein Ungleichgewicht selten nur das Schlafzimmer. Wer häufiger Nähe sucht, denkt schnell: Ich bin nicht mehr begehrenswert. Wer sich häufiger entzieht, fürchtet: Mit mir stimmt etwas nicht. Aus einem Unterschied wird so in kurzer Zeit eine Identitätsfrage. Genau hier entsteht Scham. Und Scham lässt Menschen aus der Rolle fallen: Sie ziehen sich zurück, werden spitz, weichen Berührungen aus oder fordern Nähe in einem Ton ein, der schon nach Kränkung klingt. Das eigentliche Thema bleibt im Schatten.
Besonders zerstörerisch sind die Sätze, die nie ausgesprochen werden und trotzdem im Raum stehen:
- Wenn du mich lieben würdest, hättest du mehr Lust.
- Wenn ich attraktiver wäre, wäre das Problem weg.
- Wenn du gerade keinen Sex willst, willst du mich als Person nicht mehr.
- Wenn ich nachgebe, verrate ich mich selbst.
Keiner dieser Sätze hilft. Alle engen ein, weil sie ein lösbares Beziehungsthema in einen stillen Schuld- und Rückzugsprozess verwandeln. Dabei lohnt der genauere Blick: Hinter hohem Verlangen steckt oft nicht nur Lust auf Sex, sondern Sehnsucht nach Bestätigung, Lebendigkeit, Trost oder Verbundenheit. Hinter geringem Verlangen steckt selten Gleichgültigkeit, viel öfter Überlastung, Unsicherheit, Ärger oder ein Körper, der im Dauerstress schlicht nicht auf Empfang schaltet.
Viele Paare geraten zusätzlich in eine starre Rollenverteilung: Die eine Person wird zum suchenden Teil, die andere zum ausweichenden. In der Emotionsfokussierten Paartherapie heißt dieses Muster Pursuer-Withdrawer-Dynamik. Je öfter es sich wiederholt, desto weniger geht es um Nähe und desto mehr um Schutz, Kränkung und Vermeidung. Ein Kuss fühlt sich plötzlich wie eine Vorstufe zu einer Erwartung an, eine Absage wie ein persönlicher Angriff.
Genau deshalb hilft es selten, nur über Häufigkeiten zu sprechen. Die wichtigere Frage lautet: Was bedeutet Sexualität für jede Person in dieser Beziehung? Für manche ist sie der direkteste Weg zu Verbundenheit. Für andere ein Raum, der erst offensteht, wenn Verbundenheit schon da ist. Wer diesen Unterschied versteht, hört auf, Symptome zu verhandeln, und kommt zur eigentlichen Frage: Woher kommen die Verschiebungen überhaupt?
Was hinter einer unterschiedlichen Libido in der Beziehung steckt
Eine unterschiedliche Libido entsteht selten aus dem Nichts. Meist greifen mehrere Faktoren ineinander wie Zahnräder. Der häufigste und zugleich unspektakulärste heißt Alltag. Stress frisst Lust nicht immer sofort, aber er dämpft sie zuverlässig. Wer den ganzen Tag Verantwortung trägt, organisiert, entscheidet und funktioniert, schaltet abends nicht einfach in Sinnlichkeit um. Unser System braucht Übergänge. Fehlen sie, bleibt Nähe ein guter Vorsatz und wird kein innerer Impuls.
Körperliche und hormonelle Einflüsse
Auch der Körper redet mit. Schlafmangel, Schmerzen, chronische Erkrankungen, hormonelle Veränderungen, Medikamente, Alkohol, depressive Phasen oder starke Anspannung wirken direkt auf das sexuelle Erleben. Manchmal verschiebt sich die Lust schleichend über Monate, manchmal abrupt: nach einer Geburt, in den Wechseljahren, unter hormoneller Verhütung, bei Schilddrüsenproblemen. Viele suchen die Ursache dann zuerst im Gefühl füreinander, obwohl der Körper längst Zeichen sendet. Das ist wichtig zu wissen, weil sich Beziehungsprobleme oft viel persönlicher anfühlen, als sie begonnen haben.
Ebenso zählt die innere Beziehung zum eigenen Körper. Wer sich nicht wohlfühlt, sich schämt oder sich fremd im eigenen Körper erlebt, meidet Intimität nicht aus Gefühlskälte, sondern aus Schutz. Der Körper ist dann kein Ort von Lust mehr, sondern eine Bühne für Bewertung. In solchen Phasen nützt Druck gar nichts. Was hilft, ist Entlastung, Geduld und manchmal ein medizinischer Blick von außen.
Emotionale Dynamik und verdeckte Konflikte
Daneben spielt die Beziehung selbst eine große Rolle. Unerledigter Ärger setzt sich fest. Wer sich im Alltag allein gelassen fühlt oder mehr trägt als die andere Person, entwickelt Frust, oft unbemerkt. Aus diesem Zustand heraus entsteht selten die Lust, sich abends weich, offen und zugewandt zu zeigen. Begehren braucht keine Perfektion, aber einen inneren Raum. Dauernde Gereiztheit, Kritik oder unterschwellige Distanz machen diesen Raum klein. Dasselbe gilt für Verletzungen, die nie besprochen wurden. Der Körper vergisst weniger, als man denkt.
Dazu kommt die Macht der Routine. Läuft Sexualität jahrelang nach demselben Ablauf, verliert sich die Neugier. Nicht, weil etwas falsch wäre: Vorhersehbarkeit schafft Sicherheit, aber selten Spannung. Viele Paare deuten diese Müdigkeit als fehlende Anziehung. Meist fehlt eher Spielraum, Überraschung und Zeit.
Was Geschlechterklischees verschleiern
Zu den Libido-Unterschieden zwischen Mann und Frau halten sich hartnäckige Mythen, als gäbe es feste Naturgesetze: hier immer Lust, dort Zurückhaltung. In meiner Praxis erlebe ich beides andersherum, ständig: Männer in Phasen geringer Lust, Frauen mit hohem, klarem Verlangen. Solche Klischees erzeugen vor allem Druck. Wer nicht ins Bild passt, schweigt und leidet still. Legen Sie stereotype Erklärungen deshalb früh beiseite und schauen Sie neugierig auf Ihre konkrete Situation.
Ein oft übersehener Punkt ist die Form, in der Lust auftaucht. Manche Menschen spüren Verlangen spontan, scheinbar aus dem Nichts. Andere erleben Lust reaktiv: Sie entsteht erst durch Nähe, Berührung, Entlastung und Atmosphäre. Wer nur auf spontane Lust wartet und sie für die einzig echte hält, hält sich in einer langen Partnerschaft schnell für lustlos, obwohl der eigene Zugang nur anders funktioniert.
Geprägt hat dieses Verständnis die Sexualforscherin Rosemary Basson. Sie beschreibt, dass sexuelles Verlangen gerade in langfristigen Beziehungen häufig erst durch emotionale Sicherheit, Entspannung, Berührung und innere Präsenz wächst. Für viele Paare ist dieses Wissen enorm entlastend, weil es die Vorstellung korrigiert, Lust müsse immer plötzlich „da“ sein. Und plötzlich wird sichtbar: Nicht jede Unlust ist Abwesenheit von Begehren. Manchmal fehlt nur der Weg dorthin. Dieser Weg beginnt fast immer mit Kommunikation.
So sprechen Sie über Sexualität, ohne dass sofort Abwehr entsteht

Über Geld zu reden fällt vielen leichter als über Sex. Der Grund sitzt tief: Sexualität berührt Identität, Scham, Körperbild und die Angst, nicht zu genügen. Gerade wenn die Libido in der Beziehung ungleich verteilt ist, kippt ein Gespräch schnell in Verteidigung. Die eine Person zählt Enttäuschungen auf, die andere hört nur Vorwürfe. Danach fühlen sich beide einsamer als vorher. Gute Gespräche über Intimität beginnen deshalb nicht mit Anklage, sondern mit einem sicheren Rahmen.
Der Zeitpunkt entscheidet mehr, als man denkt. Starten Sie dieses Gespräch nicht direkt nach einer Zurückweisung, nicht im Bett und nicht zwischen Tür und Angel. Suchen Sie einen ruhigen Moment, in dem niemand sich rechtfertigen muss. Und sagen Sie klar, worum es Ihnen geht: einander besser verstehen, keine Schuld verteilen. Schon dieser Ton verändert viel. Ein solches Gespräch gelingt, wenn beide spüren: Hier will niemand gewinnen. Hier wollen zwei Menschen Nähe wieder möglich machen. Wie Paare grundsätzlich besser miteinander reden, habe ich in einem eigenen Leitfaden zur Kommunikation in der Beziehung beschrieben.
Hilfreiche Formulierungen statt verletzender Reflexe
Viele sagen in solchen Gesprächen zu schnell, was die andere Person falsch macht. Hilfreicher ist, bei sich selbst anzufangen. Nicht: Du willst nie. Sondern: Ich merke, dass ich mich oft zurückgewiesen fühle und uns vermisse. Diese Verschiebung wirkt unscheinbar und verändert das ganze Klima.
Vielen Paaren hilft dabei die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg, angewandt auf genau dieses Thema:
- Benennen Sie die Beobachtung: Was fällt Ihnen konkret auf? Sachlich, ohne zu übertreiben und ohne anzuklagen.
- Beschreiben Sie Ihr Gefühl: traurig, verunsichert, unter Druck, einsam, angespannt. Wie geht es Ihnen damit?
- Formulieren Sie Ihr Bedürfnis: Ich brauche mehr Nähe, mehr Offenheit, mehr Klarheit, weniger Druck.
- Fragen Sie neugierig: Wie erlebt die andere Person Ihre Intimität gerade? Wie wirken Ihre Schilderungen auf sie?
- Hören Sie wirklich zu: nicht unterbrechen, nicht sofort korrigieren, nicht verteidigen.
- Verabreden Sie einen kleinen nächsten Schritt: Ein Gespräch löst nicht alles, aber es bringt etwas in Bewegung.
Sprechen Sie außerdem nicht nur über Häufigkeit. Hinter „Ich wünsche mir öfter Sex“ steckt meist Tieferes: Ich möchte mich begehrt fühlen. Ich will dir nah sein. Und hinter „Ich habe gerade keine Lust“ steckt selten Ablehnung, öfter Überforderung oder das Gefühl, innerlich gar nicht im eigenen Körper anzukommen. Wenn beide diese zweite Ebene aussprechen lernen, verliert das Gespräch seine Schärfe.
Ein gutes Gespräch hält auch Widersprüche aus. Jemand kann den anderen lieben und trotzdem wenig Verlangen spüren. Jemand kann frustriert sein und respektvoll bleiben. Jemand kann Nähe wollen, nur nicht unter Erwartungsdruck. Diese Gleichzeitigkeit ist kein Fehler, das ist erwachsene Beziehungsrealität. Meiden Sie deshalb Endurteile: immer, nie, nur du. Solche Wörter treiben jedes Gespräch in die Enge.
Oft hilft eine einfache Leitfrage: Unter welchen Bedingungen wird Nähe für dich leichter? Die Antworten überraschen. Manche brauchen mehr Schlaf, andere Zärtlichkeit ohne Folgeerwartung, wieder andere Zeit außerhalb des Eltern- oder Arbeitsmodus. Wer die Bedingungen des anderen kennt, kann den Alltag anders planen. Und genau dort entscheidet sich, ob aus einem Gespräch Veränderung wird: nicht im perfekten Satz, sondern in kleinen, wiederholbaren Handlungen.
Was im Alltag wirklich hilft: weniger Druck, mehr Spielraum, neue Nähe

Die meisten Paare wünschen sich eine Lösung, die schnell wirkt und niemanden verletzt. Genau deshalb greifen viele zu stillen Notlösungen: Die eine Person drängt nicht mehr, die andere verspricht vage Besserung, beide hoffen auf eine spontane Wendung. Meist passiert dann vor allem eins: Schweigen. Wirksamer ist ein anderer Weg. Kein zusätzlicher Druck, sondern mehr Bewusstsein für die Bedingungen, unter denen Lust entstehen kann. Gute Vorsätze allein helfen selten. Kluge, konkrete Veränderungen im Alltag helfen erstaunlich oft.
Kompromisse, die niemanden verbiegen
Ein tragfähiger Kompromiss bedeutet nicht, dass eine Person sich regelmäßig übergeht und die andere sich nie bewegen muss. Er bedeutet, dass beide ernst nehmen, was für sie stimmig und was unzumutbar ist. Das schließt klare Grenzen ein: Sex aus Pflichtgefühl beruhigt vielleicht kurz den Konflikt, beschädigt aber langfristig Vertrauen und Lust. Genauso schwierig ist es, das Thema komplett zu vermeiden. Ein guter Kompromiss fragt deshalb nicht nur: Wie oft? Sondern: Welche Formen von Nähe fühlen sich für uns beide gut an? Was ist gerade realistisch? Und wie bleiben wir in Kontakt, wenn unsere Bedürfnisse auseinanderliegen? Aussprechen lässt sich all das nur, wenn beide wissen: Ich werde respektiert und darf mich ohne Scham zeigen.
Hilfreich ist auch, Intimität breiter zu denken. Nicht jede Begegnung muss auf Geschlechtsverkehr hinauslaufen, auch wenn viele genau das mit Sex gleichsetzen. Für viele Paare entsteht Entlastung, wenn sie Nähe wieder in mehrere Sprachen übersetzen: langes Küssen, Berührung ohne Ziel, gemeinsames Duschen, eine Massage, nebeneinander einschlafen, über Fantasien sprechen, zärtliches Flirten im Alltag. Solche Formen sind keine Trostpreise. Sie sind oft genau der Boden, auf dem sexuelle Energie wieder wachsen kann. Sexualität beginnt weit vor der Penetration.
Sexuelle Unlust in der Partnerschaft: Was tun, wenn der Druck wächst?
Wenn über Wochen oder Monate kaum noch Lust da ist, steigt der innere Lärm. Die suchende Person fühlt sich allein, die andere beobachtet sich selbst immer kritischer. Bei sexueller Unlust in der Partnerschaft braucht es dann keine Schablone, sondern zuerst eine Entschärfung: Druck herausnehmen, ohne das Thema zu begraben. Ein erster Schritt können vereinbarte Phasen körperlicher Nähe sein, in denen ausdrücklich keine Erwartung an Sex besteht. Für viele Menschen, besonders bei hoher Anspannung, ist genau diese Sicherheit die Voraussetzung, den eigenen Körper überhaupt wieder als zugänglich zu erleben.
Ebenso wichtig: Schaffen Sie mehr günstige Momente statt mehr Debatten. Lust entsteht selten zwischen Wäschekorb, Mails und Erschöpfung. Wer Nähe will, muss im Alltag Platz dafür machen. Das klingt unsexy und wirkt trotzdem: Aufgaben fairer verteilen, Schlaf schützen, Paarzeit im Kalender reservieren, einen Abend ohne Serienroutine planen. Manchmal rettet keine große Erkenntnis die erotische Verbindung, sondern ein früher Feierabend und ein freier Kopf.
Wenn die Partnerperson kein Verlangen nach Sexualität zeigt
Besonders schwer wird es, wenn die Partnerperson über längere Zeit kein Verlangen nach Sexualität zeigt. Das fühlt sich für viele wie eine stille Zurückweisung an. Doch nicht jedes Nein ist ein Nein zu Ihnen. Fragen Sie stattdessen gemeinsam: Was steht zwischen dir und deiner Lust? Fehlt Energie? Fühlt sich unser Sex zu vorhersehbar an? Gibt es Schmerz, Scham, Ärger oder das Gefühl, immer funktionieren zu müssen? Solche Fragen öffnen Räume, in denen Ehrlichkeit wieder möglich wird.
Vielen Paaren hilft ein kleines, zeitlich begrenztes Experiment über vier bis sechs Wochen:
- Ein fester Termin pro Woche nur für Paarzeit, nicht automatisch für Sex.
- Zweimal pro Woche zehn Minuten Berührung ohne Ziel und ohne Bewertung.
- Eine kurze Wochenrunde mit zwei Fragen: Wodurch habe ich mich dir diese Woche nah gefühlt? Was hat Distanz geschaffen?
- Eine neue gemeinsame Erfahrung außerhalb des Schlafzimmers: Ausflug, Tanzkurs, Spaziergang ohne Organisationsgespräch, Hotelnacht.
Neue Erlebnisse wirken so stark, weil sie das Paar aus eingefahrenen Rollen lösen. Wer zusammen etwas Unerwartetes erlebt, sieht sich wieder frischer: nicht als Organisierende des Alltags, sondern als lebendige, neugierige Menschen. Das klingt klein. Es kann viel bewegen. Und wenn trotz solcher Schritte immer wieder dieselbe Mauer steht, ist das kein Scheitern. Es ist ein Hinweis, dass jetzt jemand von außen mitdenken sollte.
Ungleichgewicht sexueller Lust in der Beziehung: normal, aber nicht egal
Ein Ungleichgewicht sexueller Lust ist einer der häufigsten Gründe, warum Paare in meine Praxis kommen. Fast immer steckt dahinter keine kaputte Beziehung, sondern ein Unterschied, der zu lange unausgesprochen blieb. Wichtig ist die Reihenfolge: erst verstehen, was das Ungleichgewicht gerade speist (Stress, Gesundheit, unausgesprochene Kränkungen), dann über Wünsche verhandeln. Wer beim Verhandeln anfängt, ohne zu verstehen, produziert Kompromisse, die niemand halten kann.
Und das Ungleichgewicht ist selten statisch. Lust verschiebt sich über Lebensphasen, bei beiden. Was heute ungleich ist, kann sich wieder angleichen, wenn der Druck aus dem Thema geht.
Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Viele Paare warten erstaunlich lange, bevor sie sich Hilfe holen. Oft erst, wenn aus Enttäuschung Resignation geworden ist, und dann wird es schwerer. Dabei ist professionelle Begleitung kein letzter Ausweg für hoffnungslose Fälle. Sie ist oft schlicht eine Abkürzung aus festgefahrenen Mustern. Vor allem dann, wenn Gespräche immer in denselben drei Sätzen enden, wenn Berührungen sofort Spannung auslösen oder wenn jedes Thema rund um Sexualität nur noch Abwehr erzeugt.
Woran Sie erkennen, dass Unterstützung entlasten kann
Eine Paar- oder Sexualtherapie lohnt sich, wenn Sexualität dauerhaft zum Konfliktherd wird, wenn Vermeidung den Alltag prägt oder wenn Schmerzen, Ekel, starke Angst, frühere Grenzverletzungen oder medizinische Themen hineinspielen. Auch nach einer Geburt, in langen Belastungsphasen, nach Untreue oder bei tiefem Rückzug hilft ein professioneller Rahmen. Sie müssen dafür nicht am Rand der Trennung stehen. Es reicht, wenn Sie merken: Allein drehen wir uns im Kreis.
Viele fürchten, in so einer Sitzung werde nach Schuldigen gesucht oder intime Details würden seziert. Gute Begleitung arbeitet anders. Sie schafft Sprache, wo bisher Scham war. Sie macht Muster sichtbar, die zu Hause in Echtzeit kaum erkennbar sind. Und sie trennt, was oft unglücklich vermischt wird: körperliche Faktoren, emotionale Verletzungen, Kommunikationsfehler und unrealistische Erwartungen. Das entlastet, weil es den Druck von der einzelnen Person nimmt und zurück auf das gemeinsame Geschehen lenkt.
Wie Begleitung konkret helfen kann
In meiner Praxis geht es selten darum, möglichst schnell wieder mehr Sex zu haben. Es geht zuerst um Sicherheit, damit Sex überhaupt wieder möglich wird. Manche Paare lernen, wie Berührung ohne Leistungsziel aussieht. Andere entdecken, dass sie jahrelang über Häufigkeit gestritten haben, obwohl es um Anerkennung oder eine faire Lastenverteilung ging. Wieder andere brauchen einen Raum, um auszusprechen, was sie sich nie getraut haben: Angst vor Ablehnung, Schmerz beim Sex, Scham über Fantasien oder die Erschöpfung, immer verfügbar wirken zu sollen.
Harmonie bedeutet dabei nicht, dass beide gleich oft und gleich intensiv Lust empfinden. Harmonie bedeutet, dass beide einen fairen, lebendigen Umgang mit dem Unterschied finden. Manchmal entsteht daraus wieder mehr Sexualität. Manchmal erst einmal mehr Zärtlichkeit, mehr Ruhe und mehr Ehrlichkeit. Auch das ist Fortschritt.
Was bleibt: Unterschiede fair verhandeln
Eine unterschiedliche Libido in der Beziehung ist kein Urteil über Ihre Zukunft. Sie ist eine Aufgabe, ja. Aber sie ist lösbar, wenn beide aufhören, sich gegenseitig als Problem zu betrachten. Die Person mit mehr Verlangen ist nicht zu viel. Die Person mit weniger Verlangen ist nicht defekt. Meist versuchen einfach zwei Menschen mit verschiedenen inneren Takten, Nähe zu gestalten.
Wenn Sie aus diesem Artikel nur eines mitnehmen, dann das: Entlastung entsteht durch einen fairen Umgang mit Unterschieden, Gleichheit braucht es dafür nicht. Sprechen Sie ehrlich, definieren Sie Intimität großzügiger und holen Sie sich Unterstützung, wenn Sie allein nicht weiterkommen. So wächst Schritt für Schritt wieder, was viele Paare am meisten vermissen: Sicherheit, Wärme und eine Nähe, in der keiner von beiden sich verbiegen muss.





