Wenn Sie Ihre Beziehung öffnen wollen, lohnt es sich, vorher zu überlegen, was Sie miteinander vereinbaren wollen. Fast alle machen dafür eine Liste. Das kann ein ausgeklügeltes Excel-Dokument sein oder nur Punkte, die alle Beteiligten im Kopf haben, teils ist es auch nur die Idee von einer Liste. Eine Liste macht das Unübersichtliche handhabbar, und das ist eine kluge Entscheidung, egal wie kurz oder lang sie am Ende wird.
Allerdings muss allen Beteiligten klar sein, dass eine existierende Liste nicht bedeutet, dass nichts mehr schiefgehen kann. Viele Regelwerke gehen im Alltag an dem vorbei, wofür sie erschaffen wurden, und das liegt selten am Willen der Beteiligten. Meistens liegt es daran, dass beim Aufstellen etwas nicht bedacht wurde, das später eine größere Auswirkung hat, oder dass sich nicht alle vorher ehrlich mit dem auseinandergesetzt haben, was da eigentlich vereinbart wird. Vor allem dann, wenn sich die Beteiligten nicht ganz einig waren.
Jede Regel hat ihre Geschichte
„Keine Übernachtungen.“ Diesen Satz höre ich oft. Er klingt nach einer einfachen Regel, und vielleicht ist er für Sie auch genau das, aber meistens stecken dahinter Ängste, Überlegungen und Dinge, die geschützt werden wollen, und die brauchen mehr als nur zwei Worte.
Denn hinter zwei Worten steckt für viele Menschen eine größere Bedeutung. Bei manchen ist es das Aufwachen: Der Morgen gehört uns, und dahinein will ich niemanden lassen. Bei anderen ist es die Nacht selbst, das Zurückbleiben allein im Bett, ohne zu wissen, was gerade passiert. Und wieder andere übernehmen diese Regel einfach, weil sie glauben, dass man das so macht.
Wie Sie hier schon erkennen können, gibt es allein für diese eine Regel ganz verschiedene Gründe, und hinter jedem stehen andere Ängste und andere Bedürfnisse. Eine Regel lässt sich einhalten, ohne dass je besprochen wurde, was sie eigentlich schützen soll. Nur wird sie dann irgendwann zu einer Vorschrift, deren Sinn niemand mehr erklären kann, und genau solche Regeln kippen als erste. Wichtiger als die Frage, was auf der Liste steht, ist darum die Frage, welche Bedürfnisse und Ängste hinter den einzelnen Punkten liegen und was passieren würde, wenn einer davon gerissen wird.
Erst das Gespräch, dann die Liste
Viele fangen bei den Regeln an, weil das leichter scheint, als das zu besprechen, worum es wirklich geht. Über Übernachtungen kann man verhandeln, über die Angst, ersetzbar zu sein, nicht. Daher ist es wichtig, sich vorher Gedanken darüber zu machen, wofür die Regeln überhaupt da sein sollen.
Bevor Sie also Regeln sammeln, lohnt sich ein anderes Gespräch: darüber, was Sie da eigentlich vorhaben und was Sie beschützen wollen. Oder einfacher gesagt: Was sollen die Regeln eigentlich bewirken? Vier Fragen helfen jedem Einzelnen dabei: Was erhoffe ich mir davon, für mich und nicht für uns? Was würde mir helfen, was meiner Partnerperson? Was ist meine größte Angst, wenn ich ehrlich bin? Und woran würden wir merken, ob eine Regel uns hilft oder nicht? Gerade die letzte Frage wird fast immer übersprungen, dabei ist sie die wichtigste, denn Regeln dürfen sich ändern. Wer vorher benannt hat, wie ein gelungenes halbes Jahr aussehen würde, hat später einen Maßstab, an dem sich das Ganze messen lässt. Alle anderen bewerten hinterher nur die Zwischenfälle.
Bei all diesen Fragen und Gedanken ist noch eins wichtig: Es hat sich bewährt, solche Gespräche nicht zwischen Tür und Angel zu führen. Suchen Sie sich daher einen Moment, in dem alle Beteiligten Zeit und Kraft haben, diese Fragen zu tragen, samt den Gefühlen, die dabei hochkommen können, den eigenen und denen des Gegenübers.
Welche Regeln sich im Alltag bewährt haben
Nach meinen Erfahrungen aus den Begleitungen der letzten Jahre haben haltbare Vereinbarungen ein paar Dinge gemeinsam.
Sie handeln vom eigenen Verhalten. „Ich sage dir vorher Bescheid, wenn ich jemanden treffe“ hält deutlich besser als „Du triffst niemanden, ohne mir Bescheid zu sagen“, obwohl der Inhalt derselbe ist: Der erste Satz ist ein Versprechen, das ich selbst gebe, der zweite eine Auflage für die andere Person, und Auflagen erzeugen Widerstand, auch bei Menschen, die eigentlich einverstanden sind.
Genauso hilft es, wenn alle wissen, warum es eine Regel gibt. „Keine Übernachtungen, weil der Morgen uns gehört“ ist eine andere Vereinbarung als „Keine Übernachtungen“, Punkt. Die erste überlebt den ersten Konflikt, weil beide wissen, worüber geredet wird, wenn sie zur Debatte steht, während die zweite beim ersten Zweifel zur Machtfrage wird.
Und es lohnt sich, konkret zu werden. „Wir gehen respektvoll miteinander um“ ist ein schöner Vorsatz und im Zweifel unbrauchbar, denn um zwei Uhr nachts, wenn eine Nachricht unbeantwortet bleibt, brauchen Sie etwas, an dem Sie ablesen können, ob das gerade in Ordnung ist.
Bei all diesen Regeln ist es gut, feste Zeitpunkte zu vereinbaren, an denen Sie das Ganze überprüfen: was sich bewährt hat, was angepasst werden will und was weg kann. Ein halbes Jahr ist ein guter Abstand. Eine Vereinbarung mit so einer Wiedervorlage lässt sich leichter eingehen, und sie lässt sich ändern, ohne dass es nach Rückzieher aussieht.
Bei welchen Regeln es schwierig wird
Natürlich werden Sie sich fragen, welche Regeln Sie besser gleich meiden, weil sie nichts bringen. Das ist sehr individuell, aber ein paar Muster kommen immer wieder.
Regeln, die Gefühle verbieten, halten selten. „Du darfst dich nicht verlieben“ ist der bekannteste Satz dieser Art, und das Bedürfnis dahinter ist gut nachvollziehbar, nur verfügt niemand per Beschluss über sein Verliebtsein. Vereinbaren können Sie den Umgang damit: dass Sie es sagen, wenn es passiert, und wie es dann weitergeht.
Schwierig wird es auch, wenn Regeln nur für eine Person gelten. Wünscht sich eine Person die Öffnung und die andere stimmt zu und stellt dafür Bedingungen, sieht das nach einem Kompromiss aus, ist aber oft eine Verschiebung von Macht: Die eine Seite lebt, die andere kontrolliert. Solche Vereinbarungen halten selten, und wenn sie brechen, bricht mehr als die Regel.
Und dann gibt es die Listen, die so komplex geworden sind, dass man erst nachschlagen muss, welche Regel wann für wen gilt. Das ist meist gut gemeint, aber in der Realität kommt da niemand mehr hinterher, und dann passieren Fehler, die eigentlich niemand wollte.
Was ist, wenn Regeln gebrochen werden?
Regeln sind nicht dafür da, gebrochen zu werden, und trotzdem passiert es, meistens ohne Absicht, eher nebenbei und halb unbewusst, in einer Situation, die auf keiner Liste stand. Deshalb ist es gut, sich schon vorher damit auseinanderzusetzen, was die Konsequenzen wären, bevor etwas passiert. Das ist kein Freibrief nach dem Motto: Kannst du ruhig brechen, wir passen sie dann an. Es sorgt dafür, dass der Ernstfall nicht auch noch die Frage klären muss, wie Sie jetzt miteinander umgehen.
Der erste Reflex ist meistens, dass das ganze Modell in Frage gestellt wird, wenn eine Regel gebrochen wurde. Diese Schlussfolgerung kommt aus meiner Sicht zu früh. Die nützlicheren Fragen wären: Was hat diese Regel geschützt? Kann sie das immer noch? Und was waren die Gründe, warum sie gebrochen wurde? Denn auch hier zeigt sich manchmal, dass jemand von Anfang an nicht einverstanden war oder nicht den Mut hatte, das auszusprechen. Das ist dann eher ein Kommunikationsproblem und kein Problem der Regeln oder des Modells.
Manchmal ist es aber ein echter Vertrauensbruch, und dann hilft es niemandem, ihn zur Formsache zu erklären. Dann reicht es nicht, eine Regel nachzujustieren; dann steht das Gespräch darüber an, wie es mit der Öffnung insgesamt weitergeht. Monogamie schützt nicht vor Betrug, Nicht-Monogamie auch nicht. Der Unterschied ist, dass hier vorher besprochen wurde, was Betrug wäre. Wer eine Absprache bewusst umgeht und es verschweigt, verletzt dasselbe wie in jeder anderen Beziehung auch. Was danach möglich ist, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben.
Regeln verändern sich, wie das Leben
Fast alle Paare, die ich über längere Zeit begleite, ändern mit der Zeit ihren Umgang mit Regeln. Meistens werden es weniger, fast immer werden sie weicher, und manche kommen irgendwann beinahe ganz ohne aus.
Das ist keine schlechte Entwicklung. Die ersten Regeln entstehen, wenn alles neu ist und noch niemand weiß, wie sich das anfühlen wird, und sie geben in dieser Zeit Halt. Mit der Erfahrung wird vieles vertrauter, die Unsicherheit schrumpft, und ein Teil der Absprachen wird schlicht nicht mehr gebraucht. Eine Regel zu streichen heißt dann, dass etwas nicht mehr beschützt werden muss, und mit Nachlässigkeit hat das nichts zu tun.
Der umgekehrte Weg ist genauso in Ordnung: Wenn Sie nach drei Monaten merken, dass Sie an einer Stelle mehr Absprachen brauchen als gedacht, ist das eine Information und kein Zeugnis.
Was ist, wenn es um etwas ganz anderes geht?
Es kommt vor, dass Regeln aufgestellt werden, obwohl eine Person mit der Öffnung an sich gar nicht einverstanden ist, und dann richtet auch die beste Vereinbarung nichts aus.
Ich erlebe das in verschiedenen Varianten: ein Paar, bei dem die Nähe seit Jahren fehlt und die Öffnung als Umleitung dienen soll. Eine Person, die eigentlich gehen will und den Absprung nicht schafft. Oder ein Ja, das kein Ja war, sondern die Angst, sonst verlassen zu werden. In diesen Fällen wird die Regelliste zum Nebenkriegsschauplatz: Man streitet über Übernachtungen und meint etwas ganz anderes. Es ist unangenehm, das zu benennen, und es spart in der Regel ein halbes Jahr.
Manchmal ist die ehrlichste Antwort, dass eine offene Beziehung für Sie beide gerade nicht passt. Das ist keine Niederlage und sagt nichts über Ihren Wert als Paar. Monogamie ist kein Rückfall, so wenig wie Nicht-Monogamie ein Fortschritt ist. Beides sind Formen, in denen Menschen gut oder schlecht miteinander umgehen können.
Wann eine Begleitung sinnvoll ist
All das können Sie unter sich besprechen, und viele brauchen dafür niemanden, vor allem wenn Sie miteinander reden können, ohne dass es eskaliert, und beide ehrlich sagen dürfen, was ihnen zu viel ist. Es gibt trotzdem Situationen, in denen Unterstützung von außen die Sache abkürzt: wenn das Gespräch immer an derselben Stelle endet und Sie beide den Ausgang schon kennen, bevor es losgeht. Wenn die Eifersucht deutlich größer ist als erwartet und Sie damit allein bleiben. Wenn eine Absprache gebrochen wurde und Sie nicht weiterkommen. Oder wenn Sie merken, dass Sie bestimmte Themen lieber nicht ansprechen und sich hinter den Regeln verstecken, statt zu sagen, worum es Ihnen geht.
Womit Sie bei mir rechnen können: Natürlich schauen wir uns auch an, wie Ihr Wunsch- oder Beziehungsmodell zu Ihnen passt. Es geht dabei nur weniger darum, Sie zu etwas zu bekehren oder von etwas abzuhalten, als darum, wie sich das, was Sie vorhaben, so gestalten lässt, dass Sie sich darin wohlfühlen.
Wenn Sie schauen wollen, ob das für Sie passt, gibt es einen kostenlosen Kennenlerntermin. Zehn Minuten online, ohne Vorbereitung, und Sie entscheiden danach.
Häufige Fragen
Wie viele Regeln sind sinnvoll?
Weniger, als die meisten am Anfang aufschreiben. Drei bis fünf, die Sie beide auswendig können, wirken besser als fünfzehn, in denen Sie nachschlagen. Wenn Ihnen mehr einfallen, prüfen Sie, welche davon dasselbe Bedürfnis in verschiedenen Worten meinen.
Muss ich alles wissen?
Nein. Es gibt kein richtiges Maß an Information, das für alle gilt. Manche Menschen beruhigt jedes Detail, andere kommen mit Details schlechter zurecht als mit Nichtwissen. Beides ist in Ordnung. Wichtig ist, dass Sie ehrlich sagen, was Sie brauchen, und dass Sie es ändern dürfen, wenn sich das ändert.
Wir werden uns nicht einig. Was jetzt?
Uneinigkeit an dieser Stelle sagt noch nichts darüber, ob das für Sie beide gehen kann. Sie sagt, dass Ihnen verschiedene Dinge wichtig sind, und genau da wird es interessant. Der Fehler wäre, sie durch einen faulen Kompromiss zu beenden, den eine Person innerlich nicht mitträgt. Lieber die Uneinigkeit stehen lassen und herausfinden, worum es dabei wirklich geht.
Ist Eifersucht ein Zeichen, dass wir es lassen sollten?
Nein. Eifersucht kommt in nicht-monogamen Beziehungen praktisch immer vor, auch bei Menschen, die seit Jahren so leben. Sie ist eine Information darüber, dass etwas gerade wackelt, und sie lässt sich bearbeiten. Was dahintersteckt, steht ausführlicher im Glossar unter Eifersucht in nicht-monogamen Beziehungen.
Kann man eine geöffnete Beziehung wieder schließen?
Ja. Das kommt häufiger vor, als man denkt, und es funktioniert. Es braucht dieselbe Sorgfalt wie das Öffnen: ein Gespräch darüber, was der Schritt für beide bedeutet, und Vereinbarungen, die von beiden kommen. Was nicht funktioniert, ist das stille Zurückrudern in der Hoffnung, die andere Person merkt es und fragt nicht nach.
Zum Weiterlesen
Wie ich mit offenen Beziehungen und Polyamorie arbeite, steht auf der Seite Polyamorie und offene Beziehungen. Die Begriffe rund um das Thema erkläre ich im Glossar, unter anderem offene Beziehung, ethische Nicht-Monogamie und Metamour. Und weil fast alles hier am Reden hängt: Kommunikation in der Beziehung.






