Sie haben den Wunsch, Ihre Beziehung zu öffnen, und wissen noch nicht, wie Sie das mit Ihrer Partnerperson besprechen? Für viele Menschen ist dieser Gedanke reizvoll und darum auch erstrebenswert. Bevor Sie ihn zum ersten Mal laut aussprechen, gibt es einiges, was Sie vorher für sich überlegen können. Darum geht es hier: wie Sie das Gespräch anfangen, was dabei zu beachten ist und welche Stolpersteine es gibt, damit Sie nicht darauf treten.
Dieser Artikel handelt wirklich nur vom ersten Gespräch, vom Gedanken bis zum Aussprechen. Welche Vereinbarungen später im Alltag tragen, habe ich im Artikel über Regeln in der offenen Beziehung beschrieben.
Beziehung öffnen: was Sie vorher für sich klären können
Bevor Sie mit Ihrer Partnerperson sprechen, lohnt sich ein ehrliches Gespräch mit sich selbst, ein In-sich-Hineinhorchen: Warum möchte ich meine Beziehung öffnen, und was bedeutet dieser Schritt für mich? Rückfragen kommen nämlich immer, und meistens lautet die erste genau so: Warum? Je mehr Klarheit Sie über Ihre Beweggründe haben, desto leichter kann Ihr Gegenüber den Wunsch einordnen und verstehen. Ein Satz wie „Ich will das halt mal ausprobieren“ lässt dagegen viel Platz für Kopfkino und die schlimmsten Vermutungen.
In meiner Arbeit zeigt sich: Hinter dem Wunsch nach einer Öffnung stehen Bedürfnisse, die Menschen ganz allgemein in ihrem Leben erfüllen wollen. Ein hilfreicher Blick dafür sind die sechs menschlichen Grundbedürfnisse nach Tony Robbins: Sicherheit, Abwechslung, Bedeutsamkeit, Verbindung, Wachstum und Beitrag. Von dort lässt sich ableiten, was im Einzelnen dahintersteckt, und Sie können mit dem anfangen, was Sie schon wissen: Geht es um sexuelle Erfahrungen mit anderen Menschen und um Körperliches, um Abenteuer, um das Gefühl, begehrt zu werden, um Flirten, um die Möglichkeit, sich auch emotional neu zu verlieben, um Neues ausprobieren oder um Wahlfreiheit?
Das sind viele verschiedene Wünsche, und sie führen zu verschiedenen Formen, eine Beziehung zu öffnen. Eine offene Beziehung kann heißen, dass nur die Sexualität geöffnet wird und nicht die emotionale Seite, oder beides, wie es klassischerweise in der Polyamorie gelebt wird. Sie brauchen am Anfang nicht zu wissen, wohin es geht. Wer sich diese Fragen aber einmal grob vor Augen geführt hat, geht besser vorbereitet in das Gespräch.
Damit verbunden ist eine weitere Überlegung: Was ist es, was Sie sich von der Öffnung für die Beziehung erhoffen, die schon besteht? Was würde sich darin verbessern, auch für den Menschen, mit dem Sie zusammen sind?
Wenn die ehrliche Antwort lautet, dass Ihnen zu Hause etwas fehlt, das Sie woanders suchen, dann gehört genau das mit ins Gespräch. Aus meiner Erfahrung lohnt es sich, da zuerst hinzuschauen. Eine Öffnung wird manchmal zum Versuch, etwas zu retten, und das gelingt ihr selten. Was Sie suchen, klären Sie besser erst in der bestehenden Beziehung, statt noch mehr Komplexität obendrauf zu legen.
Wie Sie das Thema zum ersten Mal ansprechen

Für das erste Gespräch gibt es meistens keinen perfekten Moment. Vieles lässt sich aber vorbereiten, damit aus dem Moment ein guter wird. Ungünstig ist es mitten im Streit, wenn eine Person müde, hungrig oder krank ist, oder als Antwort auf die Frage, warum Sie in letzter Zeit so abwesend wirken. Was einen Moment zu einem guten macht: Sie nehmen sich Zeit, und Sie kündigen das Gespräch an, damit Ihre Partnerperson Zeit, Bereitschaft und Kapazität dafür hat. Das kann zum Beispiel so klingen: „Ich möchte gern mit dir über etwas reden, das mich schon länger beschäftigt, und es ist mir ein bisschen unangenehm.“
Sind Sie dann im Gespräch, hilft es, sich an die Leitgedanken der gewaltfreien Kommunikation zu halten: Sprechen Sie von sich, von dem, was Ihnen wichtig ist, von Ihren Bedürfnissen und Ihrem Wunsch. „Ich merke, dass mich der Gedanke an eine offene Beziehung nicht loslässt, und mich interessiert, wie du darüber denkst“ ist ein anderer Satz als „Ich will unsere Beziehung öffnen“. Der erste ist eine Einladung. Der zweite klingt nach einer Entscheidung, die schon getroffen ist, und lässt der anderen Person keine Wahl.
Geht es im Gespräch um Inhalte, also darum, wie Sie sich eine Öffnung vorstellen, ist es gut, sich vorher Gedanken gemacht zu haben, vielleicht sogar zu Regeln. Vorsicht ist trotzdem geboten: Geben Sie der anderen Person erst einmal Raum, das Thema zu verarbeiten und sich eigene Gedanken zu machen, gerade wenn es zum ersten Mal aufkommt. Sie wollen Ihre Partnerperson nicht überrollen. Gut ist es dagegen, zu sagen, was sich aus Ihrer Sicht nicht verändern soll, wenn Sie das für sich schon wissen.
Solche Sätze geben der anderen Person etwas, woran sie sich festhalten kann: dass Sie die Beziehung nicht verlassen wollen, dass der gemeinsame Alltag bleibt, dass nichts passiert, bevor Sie beide darüber gesprochen haben. Versprechen Sie davon nur, was Sie auch halten können. Ein ehrliches „Das weiß ich selbst noch nicht“ trägt in diesem Moment mehr als eine Zusage, die später bricht.
Worauf Sie im Gespräch achten können
Aus meiner Arbeit mit Paaren und Einzelnen weiß ich, welche Haltungen solchen Gesprächen helfen, in eine gute Richtung zu gehen. Bleiben Sie bei sich, also bei Ihren eigenen Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen, statt über die andere Person zu sprechen. Das Gespräch ist keine Anklage. Gehen Sie offen hinein, auch was das Ergebnis betrifft, und stellen Sie keine Ultimaten wie „Bis morgen entscheidest du dich, sonst bin ich weg“. Geben Sie Ihrem Gegenüber Raum, das Gehörte zu verarbeiten, ohne Druck. Und bleiben Sie selbst bei dem, was ich in meiner Praxis als Haltung lebe: neugierig statt wertend. Was die andere Person fühlt und sagt, ist erst einmal eine Information darüber, wie es ihr geht, kein Urteil über Ihren Wunsch.
So nehmen Sie Ihre Partnerperson ernst, ohne sich selbst klein zu machen. Die klassischen Kommunikationsregeln gelten dabei ohnehin; ausführlicher stehen sie im Artikel Kommunikation in der Beziehung.
Was die andere Person in diesem Moment erlebt
Es lohnt sich auch der Blick auf die Person, die mit dem Thema konfrontiert wird und es vielleicht zum ersten Mal hört: Welche Reaktionen und Gefühle können dort hochkommen?
Sehr häufig wird eine solche Frage als Risiko oder Gefahr gehört, weil sie für viele mit der Angst einhergeht, die Partnerperson zu verlieren. Dann steht schnell die Frage im Raum, ob man nicht reicht, ob man etwas falsch gemacht hat und ob die andere Person vielleicht schon etwas getan hat, ohne dass man es weiß. Da ist sehr viel Unsicherheit dabei, und erst einmal kommen viele Reaktionen. Eine Öffnung verändert die Art, wie die meisten Menschen in eine Beziehung hineingegangen sind, gerade wenn man schon lange zusammen ist. Das ist keine kleine Frage wie „Wollen wir heute Pasta statt Pizza?“. Es geht um große Lebenseinstellungen, um einen Paradigmenwechsel, und der ist manchmal nicht so leicht zu verkraften. Er macht Angst.
Da wir nun einmal alle Menschen sind, ist Angst eine sehr große Emotion, und sie lässt uns nicht mehr rational denken. Die Gefühle können dann die Überhand nehmen, auch bei Menschen, die sonst sehr reflektiert sind. Neben der Angst sind Kränkung und Wut möglich, im besten Fall auch Erleichterung, weil der Gedanke insgeheim längst da war. Gut zuzuhören und erst einmal Verständnis für die Emotionen zu haben, ist hier essenziell.
Für Sie heißt das vor allem, auszuhalten, was kommt. Die erste Reaktion ist selten die letzte Antwort. Bleiben Sie interessiert, offen und neugierig darauf, wie es Ihrem Gegenüber gerade geht. Seien Sie für die Person da, ohne mehr Druck zu machen als nötig. Und beenden Sie das Gespräch ruhig für eine Weile, um später weiterzureden, statt jetzt auf ein Ergebnis zu bestehen. Ein zweites und ein drittes Gespräch gehören fast immer dazu.
Wenn Sie diejenige Person sind, die gefragt wird

Sind Sie die Partnerperson, die gefragt wird, gilt auch für Sie: Hören Sie erst einmal zu, und lassen Sie Ihre Emotionen zu, ohne sie zu bewerten. Sie dürfen da sein. Ähnlich wie für die Person, die das Gespräch beginnt, hilft es, neugierig zu bleiben, nicht zu werten, die andere Person nicht zu beschämen und weder in die Verteidigung noch in den Angriff zu gehen.
Im ersten Gespräch brauchen Sie nichts zu entscheiden, und ein Ultimatum brauchen Sie nicht anzunehmen. „Ich brauche Zeit, darüber nachzudenken“ ist eine vollständige Antwort, genauso wie „Nein, das geht für mich nicht“. Es lohnt sich trotzdem, dem Gedanken eine ehrliche Überlegung zu geben, bevor Sie sofort Nein sagen. Versetzen Sie sich einen Moment in die Person, die diese Frage gestellt hat: Für sie ist das oft mit viel Scham oder Angst verbunden. Wenn Sie wohlwollend mit sich und mit Ihrer Partnerperson bleiben, ist das schon eine gute Grundlage.
Wenn Sie das Thema weiter besprechen möchten, helfen Fragen, die Ihnen ein genaueres Bild geben: nach den Beweggründen, danach, wie eine Öffnung aussehen könnte, was Ihre Partnerperson jetzt von Ihnen braucht und wie die nächsten Schritte sein könnten. Sie dürfen auch fragen, was passiert, wenn Sie dazu nicht bereit sind. Daran merken Sie, ob Sie überhaupt eine Wahl haben. Zu hoffen ist, dass es sie gibt. Die Situationen und die Menschen darin sind aber sehr unterschiedlich.
Achten Sie dabei auch auf sich. Die ersten Reaktionen führen nicht unbedingt zur richtigen Entscheidung, deshalb geben Sie sich selbst und Ihrer Partnerperson Zeit, erst einmal nachzuspüren. Ein Ja aus der Angst, sonst verlassen zu werden, fühlt sich im ersten Moment nach Frieden an. Später spüren Sie dann Groll gegen das, was Sie zugesagt haben, und das wird zur Last für alle Beteiligten. Wenn Sie zwischen Neugier und Abwehr hin- und hergerissen sind, dürfen Sie sich für diese Klärung Zeit nehmen, auch allein. Mehr dazu auf der Seite zur Therapie bei Entscheidungskonflikten.
Wenn es schon jemanden gibt
Es kommt auch vor, dass der Wunsch nach einer Öffnung erst dann entsteht, wenn es schon einen Anlass gibt: eine konkrete Person oder eine Situation, die eine Öffnung wünschenswert macht. Dabei ist es egal, ob es um einen Menschen geht, für den Sie Gefühle haben, oder um eine Gelegenheit, etwa eine Party, die ansteht. Seien Sie sich bewusst, dass das das Gespräch und die Reaktion Ihres Gegenübers verändert. Ihre Frage nach der Öffnung ist dann keine offene Frage mehr, weil Sie schon etwas im Sinn haben. Die Frage trägt einen Hintergedanken, und Ihre Partnerperson wird das spüren.
Selbstverständlich ist das kein leichter Beginn für eine Öffnung, und trotzdem ist Ehrlichkeit hier die beste Möglichkeit, auch wenn sie schwerfällt. Sie erspart allen Beteiligten, dass eine Öffnung, um die Sie bitten, mit einem Verschweigen beginnt, also mit genau dem, was Sie nicht wollen. Machen Sie sich dabei klar, was Sie offenbaren möchten, wenn zwischen Ihnen und der anderen Person schon etwas passiert ist, das nicht abgesprochen war. Dann stehen Sie vor dem Thema Vertrauensbruch, und vor der Frage nach der Öffnung steht ein anderes Gespräch. Wie es danach weitergehen kann, beschreibe ich im Artikel Nach der Affäre.
Wenn mehr als zwei Menschen beteiligt sind
Nicht jede Öffnung betrifft ein Paar. Vielleicht leben Sie schon polyamor und eine Ihrer Beziehungen war bisher geschlossen, oder Sie sind zu dritt und überlegen, ob neue Verbindungen dazukommen dürfen. Die Fragen bleiben dieselben, nur braucht dann jede Person ihr eigenes Gespräch, bevor alle gemeinsam reden, und schon die Reihenfolge, in der wer davon erfährt, kann zum Thema werden.
Nach dem ersten Gespräch
Ist das Thema einmal ausgesprochen, beginnt die eigentliche Klärung und Feinjustierung. Die Arbeit hat zwar schon vorher angefangen, aber jetzt wird sie gemeinsam. An ihrem Ende kann eine Öffnung stehen, eine andere Form von Nähe oder die Entscheidung, alles zu lassen, wie es ist. Werden Sie sich einig, geht es um Vereinbarungen. Was davon im Alltag trägt und was sonst noch wichtig wird, steht im Artikel Offene Beziehung: Regeln, die im Alltag tragen.
Das größte Thema wird für viele Menschen und Paare die Eifersucht sein. Ihr werden Sie sehr wahrscheinlich begegnen, und sie kann beide betreffen, auch die Person, die die Öffnung angestoßen hat. Was sie Ihnen sagen will, erkläre ich im Glossar unter Eifersucht in nicht-monogamen Beziehungen.
Wann eine Begleitung sinnvoll ist

Viele führen diese Gespräche ohne Hilfe von außen. Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn jedes Gespräch im Streit oder im Schweigen endet, wenn sich eine Person überrollt fühlt oder wenn Sie das erste Gespräch vorher mit jemandem sortieren möchten, der Ihr Beziehungsmodell nicht bewertet. Dafür können Sie auch allein zu mir kommen, bevor Sie zu Hause etwas sagen.
Womit Sie in einer Sitzung bei mir rechnen können: Wir bestimmen das Tempo gemeinsam. Ich fange Themen und Emotionen auf, die dabei hochkommen, und ich trage dazu bei, dass Sie Lösungen finden, die zu Ihnen passen. Wo Sie in eine Sackgasse geraten, helfe ich Ihnen mit den richtigen Fragen wieder heraus.
Wie ich mit offenen Beziehungen und Polyamorie arbeite, auch mit drei oder vier Personen in einer Sitzung, steht auf der Seite Polyamorie und offene Beziehungen. Im kostenlosen Kennenlerntermin finden wir gemeinsam heraus, ob das für Sie passt.
Häufige Fragen
Wie spreche ich an, dass ich meine Beziehung öffnen möchte?
Suchen Sie sich einen Moment, der für Sie beide gut passt: Beide Personen sind aufnahmebereit und haben Zeit und Bereitschaft dafür. Kündigen Sie das Gespräch an, und bringen Sie Ihr Anliegen als Wunsch vor, der von Ihnen ausgeht. Sagen Sie, was Sie sich vorstellen und was Sie selbst noch nicht wissen, und rechnen Sie damit, dass das erste Gespräch ohne Ergebnis endet.
Heißt der Wunsch nach Öffnung, dass in der Beziehung etwas fehlt?
Das kann so sein, muss es aber auf keinen Fall. Es gibt viele Menschen, die in ihrer Beziehung zufrieden sind und trotzdem anderen Menschen begegnen wollen, auf verschiedene Art und Weise. Und es gibt Wünsche, hinter denen ein Mangel steht, über den noch nie gesprochen wurde. Was davon bei Ihnen überwiegt, lohnt sich vor dem Gespräch ehrlich anzuschauen.
Was mache ich, wenn meine Partnerperson sofort Nein sagt?
Nehmen Sie das Nein ernst und fragen Sie nach, wofür es steht: für ein grundsätzliches Nein, ein Nein zu diesem Zeitpunkt oder ein Nein aus dem ersten Schreck heraus. Haben Sie Geduld, nehmen Sie die Reaktion als berechtigt an, beschämen Sie nicht und machen Sie keinen Druck. Was Sie danach mit Ihrem Wunsch machen, ist eine eigene Frage, die ein eigenes Gespräch verdient.
Sage ich es, wenn ich schon jemanden kennengelernt habe?
Ja. Ich rate immer dazu, alle Karten auf den Tisch zu legen. Wenn Ihr Wunsch mit einer bestimmten Person zu tun hat, gehört das ins erste Gespräch. Kommt es später heraus, verursacht das Probleme, die sich vorher hätten abwenden lassen, und Ihre Partnerperson fragt sich zu Recht, was sonst noch ungesagt geblieben ist.
Wie lange dauert es, bis man sich einig ist?
Dafür gibt es keine Faustregel. Bei den einen reichen zwei Gespräche, andere brauchen Monate. Das Tempo bestimmt dabei am besten die Person, die mehr Zeit braucht.
Wie kann Therapie hier helfen?
Unterstützung können Sie allein holen, um dieses Gespräch vorzubereiten, oder als Paar, damit jemand die Öffnung begleitet und das Gespräch moderiert. Was Sie dabei in einer Sitzung bei mir erwartet, steht oben unter „Wann eine Begleitung sinnvoll ist“.






